Reality Check: Wie menschlich sind unsere Buchheld*innen wirklich?

„Sorry, ich muss unser Date leider absagen. Ich hab meine Tage bekommen und alles was ich will, ist mit einer Tüte Chips auf der Couch liegen und Serien schauen. Vielleicht klappt es ja beim nächsten Mal.“

– said no book character ever

Wir lieben Bücher, weil sie uns einladen, für eine kurze Zeit unser eigenes Leben anzuhalten und in die Schuhe einer anderen Person zu schlüpfen, deren Gefühle zu teilen und fremde Abenteuer erleben zu können. Wir knüpfen eine Bindung zu den Charakteren, verlieben uns ein bisschen in die ein oder andere Figur und lassen uns von ihren Erfahrungen und weisen Worten inspirieren. Und manchmal begegnen wir zwischen den Zeilen auch einer Figur, in der wir uns wieder erkennen, plötzlich merken, wir sind gar nicht so allein mit unseren Problemchen und diese tollen Held*innen aus den Büchern, sind eigentlich genau wie wir. Aber irgendwie auch nicht, denn oft scheinen wir nicht mal die grundlegendsten Bedürfnisse des Alltags mit ihnen gemein zu haben.

Geduscht wird nur, wenn man ein Spektakel daraus machen kann

Buchcharaktere duschen nur, wenn ein wichtiges Date ansteht. Oder sie sich bei einem wichtigen Date witzigerweise total mit was auch immer bekleckert haben, sodass sie zuhause erstmal die Spuren wieder von sich ab waschen müssen. Oder eben dann, wenn aus der völlig normalen, alltäglichen Dusche, ein Spektakel gemacht werden kann. Also zum Beispiel so, dass plötzlich ganz dringend in einer fremden Dusche geduscht werden muss, oder wenn die Tür nicht abgeschlossen werden kann und der Love Interest jederzeit hineinplatzen kann (was er/sie natürlich auch tut). In der Tagesroutine der meisten Buchcharaktere ist duschen allerdings nicht enthalten. Gleiches gilt natürlich auch für weitere alltägliche Dinge wie Zähneputzen, Toilettengang, Wäsche waschen, Spülmaschine ausräumen, you name it.

Es existieren ausschließlich Extreme

Wenn dann doch mal einer unserer geliebten Charaktere von etwas Menschlichem heimgesucht wird, zum Beispiel einer Grippe oder Erkältung, dann aber gleich so richtig. Da läuft nicht nur ein paar Tage die Nase oder es kratzt ein wenig im Hals (natürlich kein Corona, so schlimm ist es dann auch wieder nicht), nein, da gibt es gleich öffentliche Kreislaufzusammenbrüche oder tagelang hohes Fieber, sodass die Freund*innen ohne Lebenszeichen schon das Schlimmste befürchten. Klar, auch sowas kommt im echten Leben vor. Aber warum sind Buchcharaktere immer entweder gesund oder super doll krank.

Die Energie mancher Buchcharaktere reicht locker für einen 48 Stunden Tag

Wer kennt es nicht – man wacht auf, ist sofort hellwach und arbeitet wie Speedy Gonzales alle Punkte auf der To Do Liste ab. Selbstverständlich ohne Mittagstief oder Power Nap (who does that?!). Nachdem man also gleich morgens einen Kaffee beim Lieblingscafé geholt hat, trifft man sich mit den Girls zum Brunch. Danach gehts in die Vorlesung, während dieser man die Sinnfragen des Lebens ausdiskutiert. Direkt im Anschluss werden dann ein paar öde Stunden beim Nebenjob verbracht, irgendwo müssen die etlichen Tausend Dollar für das Studium am amerikanischen College (und für die eigene Wohnung, das eigene Auto, die vielen Parties und Wochenendtrips) ja herkommen. Abends passiert dann noch etwas total Unerwartetes, vielleicht schließt der Chef den Laden zu, obwohl wir noch drin sind, oder unser Love Interest taucht plötzlich auf und entführt uns mit seinem Wagen an einen versteckten See. Was auch immer es ist, es dauert ewig, wir wissen nicht, ob wir jemals wieder da rauskommen und unsere einzige Sorge ist, dass sich die Muskeln unseres Hotties so doll unter seinem Shirt abzeichnen. Aber hey, natürlich gibts für alles eine Lösung und früher oder später sitzen wir wieder zuhause auf der Couch und die Girls sind sofort am Start (wie viel Uhr war es gleich nochmal?), um sie die Story brühwarm erzählen zu lassen. Dass der Tag dann auch irgendwann zu Ende ist, ist am klassischen Gähnen zu erkennen. Aber das kommt wirklich auch erst ganz zum Schluss.

Bei so viel Trouble könnte man ja fast vergessen, mal auf die Toilette zu gehen. Oder gelangweilt durch Instagram zu scrollen, während man den dritten Snack des Tages verputzt. Apropos putzen, zwischendrin müsste ich dann auch mal kurz die Töpfe spülen, die sich in meiner Küche stapeln (und das, obwohl ich dort eigentlich nie koche, außer mein Love Interest kommt zu besuch, dann wird ordentlich aufgetischt). Ja, der Tag eines/einer Buchheld*in ist schon aufregend, aber wirklich realistisch ist er nicht.

Müssen Bücher realistisch sein?

Es geht hier natürlich nicht um Fantasyromane oder Dystopien. Es geht um Bücher, die in unserer Welt spielen, von denen man sich wünscht, dass einem selbst mal so eine tolle Geschichte widerfährt. Es wird vermittelt, dass die Personen im Buch genauso sind wie du und ich – sie haben Schwächen und Zweifel, manchmal scheitern sie, blamieren sich oder machen Fehler. All das steht im Zentrum, denn immerhin ist der ganze Alltagsquatsch nicht besonders relevant für die Handlung. Aber irgendwie fehlt mir da doch etwas…

Es braucht keine ausführlichen Beschreibungen eines Toilettenbesuches oder eine Schritt-für-Schritt Anleitung zum Duschen und Haare einshampoonieren. Aber manchmal können kleine Dinge etwas mehr Menschlichkeit und Authentizität verleihen, selbst wenn sie nur in einem Nebensatz erwähnt werden. Und manchmal sind es auch die „kleinen Dinge“, die unbedingt erwähnt werden sollten, damit endlich darüber gesprochen wird und sie endlich zur Normalität gehören – auch in den Büchern, die wir lieben.

Dazu gehört für mich zum Beispiel die Periode. Wie oft hat sie mir in meinem Leben schon einen Strich durch die Rechnung gemacht – weil sie meine Gefühlslage und meinen Körper beeinflusst. Und das ist völlig normal und ich bin damit bestimmt nicht die einzige. Warum wird in Büchern also nicht mal darüber gesprochen? Person A fragt Person B nach einem Tampon. Person A sagt Person B ab, weil sie mit Unterleibsschmerzen im Bett liegt. Person A findet es unpraktisch, während ihrer Periode einen ganzen Tag lang durch die Wildnis zu spazieren, Person B macht es trotzdem. Das mal am Rande zu erwähnen, ist doch eigentlich gar nicht so schlimm, oder?

Welche Bücher kennt ihr, die besonders durch ihre Nähe zur Realität aufgefallen sind? Wo wird die Periode überhaupt mal erwähnt, ohne daraus gleich ein Spektakel zu machen? Lasst es mich gerne wissen 🙂


7 Gedanken zu “Reality Check: Wie menschlich sind unsere Buchheld*innen wirklich?

  1. Hey du, interessanter Post! 🙂
    Über so manche Kleinigkeiten ärgere ich mich auch immer mal wieder, wie zum Beispiel die extremen Krankheiten 😀
    Aber ansonsten wäre es auf Dauer auch echt langweilig, den Protagonisten alle 50 Seiten beim Duschen „zu beobachten“ 😀

    Was du aber mit der Periode ansprichst, finde ich super! Das kann meinetwegen viel viel öfter mal eingebaut werden, damit das Thema immer wieder enttabuisiert wird.

    Liebst, Lara.

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    1. Hi Lara 🙂
      danke für deinen Kommentar!
      Die Enttabuisierung der Periode liegt mir total am Herzen und Bücher könnten da so easy ihren Teil dazu beitragen… mal sehen, was die Zukunft noch bringt!
      Liebe Grüße, Pia 🙂

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  2. Das sind tatsächlich Dinge, die mir auch schon aufgestossen sind. Das ist ja in Filmen genauso – Die Frauen laufen Tage – Monatelang durch irgendwelche Dschungel und haben überhaupt kein Problem mit ihren Tagen??
    Aber Hauptsache ganz detailliert die Garderobe beschreiben. Ja – da könnten tatsächlich öfter mal paar reale Geschehnisse eingeschossen werden.

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    1. Ja, total! Filme und Serien sind leider auch nicht befreit von diesen „Fehlerchen“. So ein kleines bisschen Realität zwischen den Zeilen/Szenen sollte schon drin sein.

      Gefällt 1 Person

      1. Finde ich auch. Ich denke Männer fragen sich bestimmt auch das ein oder andere – aber bei uns ist halt noch mehr ungeklärt mystisch 😊

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