EIN KLEINER HINWEIS MIT GROSSER WIRKUNG – ÜBER TRIGGERWARNUNGEN UND IHRE NOTWENDIGKEIT

Stell dir vor, du schlägst ein Buch auf, machst es dir so richtig gemütlich und beginnst zu lesen. Du bist schon richtig in den Bann gezogen, als du plötzlich über eine Kleinigkeit stolperst. Etwas an der Geschichte kommt dir bekannt vor. Ein ungutes Gefühl breitet sich in dir aus. Du liest weiter, hältst vor Spannung den Atem an, obwohl du das Ende der Geschichte bereits kennst. Denn es ist deine eigene. 

Triggerwarnungen gibt es für alle möglichen Themen, was möglicherweise für Verwirrung darüber sorgt, was Trigger denn überhaupt sind. Aus dem Englischen lässt sich das Wort mit „Auslöser“ übersetzen. In der Psychologie meint man mit diesen Triggern Reize, die bei Betroffenen eine Reaktion auslösen. Diese Reize können sowohl extrinsisch als auch intrinsisch sein – das heißt, sie stammen entweder aus der Umwelt (z.B. ein Geräusch, ein Geruch, bestimmte Orte oder Attribute an Mitmenschen) oder aus der Person selbst (z.B. ein bestimmter Gedanke, eine innere Vorstellung, körperliche Symptome).

Im Grunde gibt es für jeden von uns Trigger, auf die wir eine bestimmte Reaktion zeigen. Die Allermeisten von uns würden wahrscheinlich bei einem unerwarteten lauten Knall zusammenzucken. Weniger heftig wäre unsere Reaktion, wenn man uns vor dem Knall warnt und wir uns bereits auf das, was geschehen wird, einstellen können (oder das Weite suchen, wenn wir laute Geräusche einfach nicht mögen). 

Es gibt allerdings auch individuelle Trigger, die weitaus mehr auslösen, als dass Betroffene „nur“ zusammenzucken. Menschen, die durch ein schlimmes Erlebnis in ihrem Leben ein Trauma erlitten haben, verbinden dieses Erlebnis meist bewusst oder unbewusst mit bestimmten Reizen. Wenn sie diesen Reizen, auch noch Jahre nach dem tatsächlichen Ereignis, begegnen, können sie dadurch re-traumatisiert werden. Unser Gehirn unterscheidet nicht zwischen tatsächlichen Ereignissen und Erinnerungen, vor allem bei solch schwerwiegenden Erfahrungen. Binnen Sekunden durchlebt die Person also die gleiche Situation erneut – mit körperlichen und psychischen Symptomen wie Angst, Panik oder Schmerzen. 

Es liegt nahe zu denken, dass es sich bei diesen Erlebnissen ausschließlich um Unfälle oder sonstige Nahtoderfahrungen handelt. Aber auch andere Erfahrungen können so prägend sein, dass sie uns nachhaltig beeinträchtigen. Dazu gehört zum Beispiel auch der Verlust eines geliebten Menschen oder eine (eigene) schwere Erkrankung. Besonders im psychischen Bereich lässt es sich durch eine Suchterkrankung gut veranschaulichen: Für eine/n trockenen Alkoholiker/in wird Alkohol für immer ein schwerwiegender Trigger sein, der unmittelbar zu einem Rückfall in die Suchterkrankung führen kann. Er oder sie wird sich diesem Trigger nie mehr ohne Folgen aussetzen können, was für die meisten ja bekannt und nachvollziehbar ist. Bei anderen Triggern sind wir jedoch geneigt, die Reaktion von Betroffenen überzogen zu finden. „Damit muss man eben irgendwann auch mal klarkommen“ oder „Das ist doch jetzt schon so lange her“, sind Aussagen, die sicherlich schon dem/der ein oder anderen begegnet sind. 

Besonders Bücher erlauben durch ausführliche Beschreibungen von Geschehnissen oder inneren Empfindungen der Charaktere ein intensives Leseerlebnis. Wer liest, stellt sich zumeist auch bildlich vor, was da gerade geschieht. Für Betroffene reicht möglicherweise ein bestimmtes Wort oder die Beschreibung eines bestimmten Vorgangs oder Gefühls aus, um als Trigger zu fungieren. Daher ist es wichtig, dass potenziell triggernde Inhalte vor dem Lesen benannt werden können. Dazu gehören Inhalte wie:  Gewalt und Missbrauch (körperlich und psychisch), sexuelle Übergriffe & Vergewaltigung, Depressionen, Angst- und Panikstörungen, Essstörungen, schwere Krankheiten, Suchterkrankungen, selbstverletzendes Verhalten, Suizidgedanken/-versuche/Suizid, Tod, Trauer, Verlust eines geliebten Menschen, Fehlgeburt, Verkehrsunfälle, schweres Mobbing u.v.m. 

Selbstverständlich ist die Bewältigung von den Dingen, die uns im Leben geschehen, ein ganz individueller und meist auch nicht geradlinig verlaufender Prozess. Für manche Menschen sind Trigger zwar unangenehm, doch sie kennen Bewältigungsmechanismen, um damit umzugehen. Wieder andere sind sich ihrer Trigger möglicherweise überhaupt nicht bewusst und können nur schwer sagen, warum sie sich mit ihren eigenen Empfindungen immer wieder im Kreis drehen. Und trotzdem ist die Verarbeitung eines Traumas und die Heilung von psychischen Wunden für jede/n Betroffene/n ein lebenslanger Prozess. Meist führt kein Weg daran vorbei, dass erlernt werden muss, mit Triggern so umzugehen, dass sie nicht immer wieder zu einem Rückschritt in ebendiesem Prozess führen. Dennoch sollten die Betroffenen, sofern möglich, selbst entscheiden, wann sie sich welchem Trigger aussetzen. Bücher können also auch eine gute Möglichkeit sein, um sich bestimmten Themen wieder zu nähern – vorbereitet und unter eigenen Bedingungen. Triggerwarnungen ermöglichen genau das. 

Die Notwendigkeit für Triggerwarnungen hängt für mich persönlich allerdings noch mit etwas anderem zusammen, das mir vor allem in Argumentationen gegen Triggerwarnungen schon häufig begegnet ist: Triggerwarnungen sind Spoiler. 

Aber sind sie das? Und wenn ja, sollten sie das überhaupt sein? 

Vorrangig im New Adult Genre begegne ich immer wieder dem Phänomen des „dunklen Geheimnisses“ aus der Vergangenheit eines Protagonisten oder einer Protagonistin. Meistens sind diese Geheimnisse traumatische Erlebnisse, die von der jeweiligen Person noch nicht so richtig aufgearbeitet wurden (sonst wäre es ja keine Sache, die unbedingt mit aller Macht geheim gehalten werden muss). Der große Plottwist ist dann meistens die Enthüllung des Geheimnisses – sozusagen der Durchbruch in der Charakterentwicklung. Und um ganz ehrlich zu sein, finde ich diesen Einsatz von (potenziell triggernden) Inhalten nicht so ganz angemessen. 

Natürlich soll über diese Themen geschrieben werden. Immerhin wird dadurch ein kollektives Bewusstsein über die Folgen von entsprechenden Erlebnissen (wenn sie denn akkurat dargestellt werden) geschafft. Doch gerade weil diese Themen so wichtig sind, bedürfen sie eines wohlüberlegten und sensiblen Umgangs. Bücher sind fiktiv und doch erzählen sie vom wahren Leben. Sie dürfen und sollen genauso roh und schonungslos sein, wie das wahre Leben. Und meistens sind es genau die unschönen Dinge, die so unerwartet passieren, dass wir sie nicht haben kommen sehen. (Trauma folgt auf einen Schock und etwas, dass uns unvorbereitet so viel tiefer trifft, als wir es je für möglich gehalten hätten, schockiert uns.) Bücher sollen vom wahren Leben erzählen, aber sie sollten uns nicht (re)traumatisieren. Sie sollen uns zum Nachdenken anregen, uns Welten zeigen, zu denen wir keinen Zugang haben – schöne, aber auch schlimme Welten. 

Ein Trauma ist oft ein Lebenslanger Krieg mit der eigenen Vergangenheit. Nicht immer bewusst, nicht immer an der Oberfläche, dennoch tief im Gehirn verankert. Was man erlebt, bleibt ein Leben lang Teil von der Person und nimmt Einfluss auf den Rest des Lebens. Und doch wird in vielen Büchern dem traumatischen Ereignis aus der Vergangenheit, dem „großen Geheimnis“, dass der/die Protagonist*in mit so viel Energie zu verbergen versucht, lediglich eine Seite gewidmet. Wenige Bücher haben wirklich die Tiefe, um diese Themen entsprechend zu bearbeiten. Die müssen sie auch nicht haben, es handelt sich ja schließlich in den meisten Fällen um Geschichten, die primär spannend und romantisch sein können. Aber genau das ist ein Trauma eben nicht. Weshalb ich der Meinung bin, dass diese Themen entweder richtig behandelt werden oder gar nicht erst für die Spannung einer Story missbraucht werden sollten. 

Denn wenn ich ein Buch schreibe, in dem einem der Charaktere etwas so Schwerwiegendes widerfährt, dann muss ich auch bereit sein, über diese Sache an sich zu schreiben. Das erfordert eine gute Recherche und vor allem auch eine realistische Darstellung des Themas. Immerhin schreibt ja auch niemand einen glaubwürdigen historischen Roman, in dem die Charaktere im 16. Jahrhundert mit dem Auto in den Urlaub fahren. Wer sich einmal ausführlich mit Traumata auseinandersetzt, gewinnt vor allem hoffentlich eines: Großen Respekt vor dem Heilungsprozess der Betroffenen. Und der vollzieht sich nun mal nicht von heute auf morgen, wie es in manchen Büchern der Fall zu sein scheint. 

Autor*innen und Verlage tragen die Verantwortung, Inhalte so zu gestalten, dass der Leser geschützt ist. Oft begegnet mir die Argumentation, dass es ja super wichtig für Mental Health Awareness ist, dass Bücher solche Themen behandeln. Ja, ist es! Aber… Wenn ich bereits ein solches oder ähnliches Erlebnis hatte – brauche ich dann ein Buch, das mich darüber informiert oder dafür sensibilisiert? Und wenn die Bücher informieren und sensibilisieren sollen, warum wird ein so wichtiges Thema dann geheim gehalten und soll nicht gespoilert werden? So nach dem Motto: ÜBERRASCHUNG, heute einmal eine Vergewaltigung als kleines Extra für euch alle – na, damit habt ihr wohl nicht gerechnet. 

Als leidenschaftliche Leserin ist mir natürlich bewusst, dass solche Inhalte tatsächlich manchmal nur am Rande erwähnt werden und auch nicht immer zwingend dem oder der Protagonist/in selbst widerfahren. Deshalb ist es verständlich, dass sich nicht jedes Buch ausschließlich und in aller Ausführlichkeit um das jeweilige Thema drehen kann. Logischerweise wird man dann auch im Klappentext keinen Hinweis auf diese Themen finden. Eine kleine Triggerwarnung ist hier aus meiner Sicht trotzdem angebracht.

Glücklicherweise bieten viele Bücher schon einen guten Kompromiss an, der einerseits „unbeschwerte“ Leser nicht spoilert und für andere trotzdem eine Triggerwarnung beinhaltet. So findet sich in manchen Werken, bevor die Geschichte beginnt, ein kleiner Hinweis darauf, dass im Buch potenziell triggernde Inhalte enthalten und nähere Infos dazu, um welche Inhalte es sich explizit handelt, auf S. XY zu finden sind. 

Natürlich hat jedes Buch so wie es ist eine Daseinsberechtigung und ist auch genauso von dem/der Autor/in gewollt. Ich kann verstehen, dass für den ein oder anderen meine Haltung gegenüber dem Umgang mit solchen Themen nicht so ganz nachvollziehbar ist. Ich empfehle euch diesbezüglich die Bücher „Speak“ von Laurie Halse Anderson oder „Reasons to Stay Alive“ von Matt Haig zu lesen. Zwei Beispiele dafür, wie intensiv die Bewältigung von schweren Lebensereignissen tatsächlich ist, und dass sich deren Nachwirkungen definitiv nicht innerhalb von ein, zwei Seiten abhandeln lassen oder durch die Liebe eines sexy Badboys in Luft aufgelöst werden. Wem nicht so ganz klar ist, was alle denn plötzlich mit diesen Triggerwarnungen wollen, der sollte sich unbedingt bewusst machen, für wen sie gedacht sind und warum sie für die Betroffenen so wichtig sind. 

Vermutlich ist deutlich geworden, dass mir dieses Thema sehr am Herzen liegt. Ich kann mich unglaublich glücklich schätzen, selbst keine Triggerwarnungen zu brauchen. Doch ich weiß, dass es bei manchen von euch da draußen anders aussieht. Ich möchte guten Gewissens in der Lage sein, meine Liebe zu Büchern und deren Magie mit allen Menschen zu teilen und zu ihnen sagen können: „Falls du mal in eine andere Welt fliehen musst, einfach einen kleinen Zufluchtsort brauchst und dich geborgen fühlen willst, dann greif zu einem Buch.“ Aber das kann ich nur, wenn ich weiß, dass auch ein ausreichender Schutz geboten ist. Denn nicht jeder trägt seine Kämpfe offen aus und nicht immer können wir wissen, was unsere Mitmenschen potenziell gefährdet. 

Wenn also Triggerwarnungen ein kleiner Beitrag dazu sind, die Welt und vor allem Bücher für alle und jede/n ein wenig sicherer zu machen, dann lasst uns doch gemeinsam dafür sein. 


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